Sonntag, 27. November 2016

Die Sache mit dem Wissen


Ich komme durch die Tür und schmeiße meine Jacke in die Ecke. Du streckst deinen Kopf durch die Küchentür und lächelst. Der Tee ist fast fertig! Ich trete zu dir in die Küche und helfe dir beim Abwasch. Wie mein Tag war, willst du wissen. Gut sage ich. Gut? Fragst du. Ich erzähle von meinem Tag. Von dem Spazieren in der Wintersonne und der schönen Musik in den Ohren. Von fremden Menschen die mir zulächeln weil sie sich angelächelt fühlen. Dabei, sage ich, lächele ich manchmal einfach vor mich hin. Wenn du gute Laune hast, sagst du. Sonst guckst du immer so kritisch. Du hast dann so eine Falte zwischen den Augen. Da! Du tippst mit deinem Zeigefinger an meine Stirn. Danke, erwidere ich. Zu freundlich! Du lachst. Ich erzähle dir, dass mir an solchen Tagen alles so leicht vorkommt. Tausend Ideen, tausend Ohrwürmer und irgendwie finde ich selbst den überfüllten Rewe und die Ringbahn ganz okay. Ja, fahre ich fort. An solchen Tagen wünsche ich anderen gerne einen schönen Tag. Weil ich genau weiß, dass ich einen haben werde. Und ich ehrlich und aufrichtig der anderen Person dies auch wünsche. Mittlerweile sitzen wir im Wohnzimmer auf meinem Sofa. Gibt du mir den Tabak? Ich reiche ihn dir. Tage wie heute sind die ganzen grauen Tage wert. Dass du nachdenkst sehe ich an deinem Blick. Sehr konzentriert. Aber, fängst du an, hat nicht auch ein grauer Tag das Potential zu einem schönen zu werden? Du schaust mich an. Weißt du, beginne ich. Glücklich sein ist so eine Sache. Entweder aktiv oder passiv. Aktiv oder was? Naja, entweder wartest du passiv auf etwas, was deiner Meinung, deinen Gefühlen nach, dem Zustand des Glücklich-Seins entspricht oder aber, ich stocke kurz, du nimmst deine Ansprüche ans Glücklich-Sein ein wenig zurück und nimmst das was grade da ist als etwas, worüber man glücklich sein kann. Das ist deine Entscheidung. Du kannst den Tag wartend verbringen oder glücklich. Sehr pathetisch!, merkst du an und willst wissen warum ich dann nicht immer glücklich bin, wenn ich den Unterschied doch so gut kenne. Weißt du, sage ich, etwas zu wissen und das WAS man weiß auch fühlen. Das ist die Schwierigkeit. Oder hast du deine ganzen Träume bereits verwirklicht, nur weil du den Spruch mit dem "Träume nicht dein, sondern..." kennst? Touché!, du grinst. Ich auch. Ich verbringe gerne Zeit mit dir, sage ich. Das ich guckt mich an. Ist das nicht die Hauptsache?



Zoey Beerhorst


Donnerstag, 14. April 2016

Montag, 21. März 2016

4,95 €

Jedes Mal bevor die Haustür verlassen wird – ein kurzer Blick in den Spiegel. Und ein kurzer, oder auch ein etwas längerer, Zupfer an dieser oder jener Stelle. Ein genervter Blick, ein Seufzen. Und dann der Gedanke, ausgehend von andauernder Selbstzweifelei, etwas zu verändern. Nicht an den Zweifeln natürlich. Nicht an der Einstellung zu sich selbst. Eher die Form von Veränderung, bei der sich die Zahlen auf dem Konto dm-Einkaufsbedingt ändern. Und zwar um etwa 4,95 €. So viel kostet Haarfarbe. Ein Lächeln vor dem Verlassen der Haustür! Ja, mit der neuen Haarfarbe wird alles anders. Besser. Das Problem dabei ist, dass das Problem nicht die Haare sind. Oder der Lippenstift. Ganz zu schweigen von dem Pickel, den man gut, weniger gut oder gar nicht abdeckt. Noch nie hat sich jemand durch das Wechseln einer Haarfarbe grundlegend verändert. Kurzzeitig, ja. Die Stimmung vielleicht. Oder auch nicht, wenn die Haarfarbe eher Richtung Griff ins Klo als in Richtung „Wow – Wie vom Friseur!“ geht. Genau so wenig, wie man sich Selbstbewusstsein mit einer Hose anziehen, wahlweise auch ausziehen, kann. Die Gefahr bei solchen Unterfangen ist die, dass man nie weiß ob man da grade 4,95€ für ein vorgegaukeltes Selbstwertgefühl gezahlt hat oder für die alte Strickmütze. Die genau weiß, dass dies ihre Chance für einen erneuten Einsatz sein kann. Welches Ergebnis das wünschenswertere ist bleibt offen. Selbstverständlich ist es schön, sich mit einer neuen Matte auf dem Kopf toll zu fühlen. Aber wie lange hält das an? Ich kenne niemanden, der im hohen Alter von sich sagen konnte: „Und mit den Haaren, damals mit 22, da hat sich alles verändert. Positiv! Bis heute!“. Der Selbstzweifel hat sich quasi nur noch mal einen Kaffee vom Bäcker geholt. Der leider bloß einen kurzen Fußweg entfernt ist. Möglichkeit zwei – die Strickmütze. Unzufriedenheit ist gar kein Ausdruck. Der Gedanke der über Wasser hält: wächst ja raus! Ja – irgendwann. Genau wie Kurzhaarfrisuren, die irgendwann wieder zu übergangs-dann-halb-lang-fransigen-endlich-lang - Frisuren werden. Man fiebert endlos lange auf den Moment hin, auf den einen Morgen, an dem man nicht mehr das Gefühl hat die Kampflesbe geben zu müssen, nur weil die Haare es einem befehlen – weil Haare wie jeder weiß, auch den Charakter, die Person, ändern. Diesen einen Morgen... Gibt es natürlich nicht. Und plötzlich steht man mit halblangen Haaren da und merkt, dass sich rein gar nichts verändert hat. Außer vielleicht die eigene Geduld und das Shampoo (Jetzt dann das für schnell fettenden Haaransatz und trockene Längen!). Da beschleicht einen die Idee, nur der Ansatz der Idee, das die bessere Investition der 4,95€ die in einen guten Kaffee gewesen wäre. Um ihn beim sich hinsetzen und über sich nachdenken trinken zu können. Nachdenken darüber, dass keine Haarfarbe, keine Frisur, kein nichthalbganz abgedeckter Pickel, keine Jeans – nichts!, dass nicht wirklich etwas an dir ändert. Am Charakter, an den Menschen die einen mögen, an Zweifeln, Ängsten oder schlechten Tagen. Eine Kurzhaarfrisur macht in den seltensten Fällen eine Kampflesbe aus einem und eine Jeans wird kaum dein Selbstbewusstsein verändern. Aber vielleicht ist dies alles, diese ganzen 4,95 mal X Euro die man in seinem Leben für Veränderung ausgibt, doch für etwas gut. Und zwar für diesen kleinen Moment des Nachdenkens. In dem eine Ahnung davon bekommt, dass Veränderung etwas ist, was in einem drin passiert – und die Haarfarbe bloß für einen kleinen Moment die Zweifel weg färben kann.

Donnerstag, 17. März 2016

GASTBEITRAG // SLIGHTLY DIFFERENT MUSIC REVIEW #1


Psychologie in der Musik: Dieses Jazz-Album – „The Black Saint and the Sinner Lady“ (1963) von Charles Mingus – ist wahrscheinlichlich eines der inspirierensten, herausfordernsten und größten Werke, die entstanden sind, seit man zu der fabelhaften Erungenschaft gelangt ist, Musik aufnehmen zu können. Es ist ein Werk von einem der größten Genies der Musikgeschichte – und nirgendwo sonst, auf keiner Aufnahme, ist mir die Kehrseite vieler Genies deutlicher bewusst gemacht worden, als hier. Ein Mann, der mit all seinem Talent so derart überfordert ist, dass er immer mehr dem Wahnsinn verfällt. Da mich die Psyche von Menschen schon immer fasziniert hat, ist dieses Album für mich nicht nur musikalisches Meisterwerk, sondern viel mehr auch eine psychologische Fallstudie – ein Blick in die Seele eines Menschen. Auf die innere Zerissenheit des Patienten (der er im Übrigen wirklich war: kurz vor der Aufnahme befand sich Mingus in einer psychiatrischen Anstalt und wurde auch während der Aufnahme psychologisch betreut) wird hier sogar schon im Titel angespielt: Mingus erkennt sich als heiligen Mann und sündigende Frau zugleich – das ist dann schon als eine etwas gravierendere Identitätskrise einzustufen. Besonders interessant finde ich das, was auf dem Rückseiten-Covertext dieser LP geschrieben steht. Tatsächlich hat hier der Psychiater von Mingus ein kleines Statement über seinen Patienten abgegeben, dessen Veröffentlichung Mingus zustimmte:




„Mr. Mingus thinks this is his best record. It may very well be his best to date for his present stage of development as other records were in the past. It must be emphasized that Mr. Mingus is not yet complete. He is still in a process of change and personal development. Hopefully the integration in society will keep pace with his“
 
Der erste Satz ist in meinen Augen der absurdeste. Er erinnert mich an einen Psychotherapeuten, der entnervt vom Größenwahn seiner Patienten kurz und knapp in sein Notizbuch kritzelt: „Patient XY denkt er wäre Jesus Christus“ und sich dann zur Beruhigung einen Kaffee holt.
Aber abgesehen davon deuten diese Sätze des Psychiaters auf einiges hin, das man – wenn man das Album gehört hat – durchaus wiedererkennen mag. Denn dass Mingus immer noch nicht so ganz „komplett“ ist, dem würde ich ohne weiteres zustimmen. Der "Change" wird dann besonders deutlich, wenn man versteht, wie Mingus selbst seine Musik gesehen hat: Sein Ziel sei es immer gewesen, Emotionen auszudrücken (und diesbezüglich wird schnell klar: Mingus empfand nicht etwa schön empirisch klar abgetrennte sieben Basisemotionen, er empfand ein schlicht nicht erfassbares Emotionen-Feuerwerk). Aber er habe nicht nur irgendwelche Emotionen ausdrücken wollen, sondern besonders EINE ganz bestimmte: Die, die die Wahrheit dessen ausdrückt, das er ist. Aber wie soll das funktionieren? Emotionen verändern sich - oder wie es Mingus ausdrückte: „It’s so difficult because I’m changing all the time“. Mingus versuchte also etwas zu erreichen, dass er nie erreichen konnte, weil er sich die ganze Zeit veränderte – und genau aus diesem Widerspruch heraus entsprang all sein Spiel-Drang.
 
Dass wir uns rund um die Uhr ändern, ist bekanntlich eine unabwendbare Tatsache. Schön ist jedoch, wenn man die Freiheit empfindet, dass man selbst darauf Einfluss haben kann - etwas, das Mingus wohl in Frage gestellt hätte. Charles Mingus Werk ist eines dieser Musikstücke, die ich jedem oder jeder empfehlen möchte, der / die auf der Suche nach Musik ist, die ihn / sie in eine ganz bestimmte Richtung verändern kann – eine Erfahrung wie kaum eine zweite in der großen Welt der Musik. Diese Musik kann im besten Fall tatsächlich ein völlig anderes „Bewusstsein“ erzeugen – im schlimmsten Fall verursacht sie Kopfschmerzen. Aber alles, was auf das Bewusstsein einwirkt, kann eben so seine Nebenwirkungen haben.

Auch wenn ich mich nun der Musik selbst nicht gewidmet habe, möchte ich abschließend zumindest auf eine Besonderheit hinweisen, die den Legendenstatus dieses Albums noch verstärkt hat: Hin und wieder scheint es – und auch ich habe das erst nicht glauben wollen – als würden die Blasinstrumente... reden. Wer nur das erleben möchte, sei auf Track 02 „Duet Solo Dancers“ verwiesen. Ich habe schon von vielen gehört, dass ihnen die Posaune jeweils etwas anderes sagt. Dass die amerikanische Posaune nicht das deutsche Wort „Halt, halt, halt“ jammert, dürfte eigentlich einleuchtend sein – aber in meinen Augen möchte die Posaune jedes mal aufs neue diesem Track entfliehen. HALT. HALT. HALT. ICH KANN NICHT MEHR, ICH WILL DIESEM WAHNSINN ENTKOMMEN.
 
 
FROM:  Tobias Lohaus




Sonntag, 28. Februar 2016

365 + x



Ein Jahr ist um, und obwohl es für mir persönlich nicht der Schicksalsschlag schlecht hin war, und das meine ich in keinstem Fall böse, stellt es einen unweigerlich vor der Frage, was man in den vergangenen 365 Tagen erlebt, erreicht und gelernt hat. Ich stehe vor dem Spiegel und versuche diese Frage zu beantworten. Meine Haare sind kurz und irgendwas in Richtung blond, meine Figur ist irgendwas in Richtung normal und ich wache an den meisten Tagen nicht alleine auf. Vielleicht kann ich besser nein sagen, vielleicht gehe ich leichter durch meine Leben als noch vor einem Jahr. Ich habe Menschen an meiner Seite die ich über alles schätze. Der Spiegel in den ich schaue steht in meiner eigenen Wohnung und auf meinem Boden liegt eine mehr oder weniger fertige Bewerbungsmappe mit meinen Fotos darin. Ja, im letzten Jahr ist viel passiert, keine Frage. Aber habe ich das Jahr für sich wirklich erlebt? Ich meine, WIRKLICH? Leben und leben ist ja tatsächlich ein himmelweiter Unterschied. Oft habe ich das Gefühl, nur da zu sein. Aber nicht wirklich zu sein. Nicht wirklich gerne ich zu sein. Es gibt immer mehr Tage an denen ich aufwache und nicht als ersten Impuls weiter schlafen will. Und jeden Abend hoffe ich inständig, dass der nächste Tag ein guter wird. Aber was bringt dieses ganze hoffen und bangen am nächsten Tag vielleicht wirklich zu leben? Was bringt es einem, wenn man sich überlegt, dass die Zeit die man hat sehr wohl begrenzt ist und man an manchen Stellen - an sehr vielen Stellen! - mit hoffen nicht weiter kommt? Richtig, gar nichts. Nosce Te Ipsum heißt so viel wie "Erkenne dich selbst". Sich selbst erkennen. Sich selbst als eigenständigen Mensch in einer Masse von vielen wirklich sehen und hinter sich stehen. Wie viele Situationen, in denen man von Launen anderer auf sich selber schließt. Die Sicht auf einen selber ändert sich damit, dass man anfängt sich selber zu mögen, und es nicht davon abhängig macht, ob andere einen mögen. Wer durchs Leben geht und an jeder Ecke zweifelt, der zweifelt natürlich an sich wenn ein komischer Blick kommt. Ein Blick, der erst mal ja bloß ein Blick ist. Wenn ich zu hundert Prozent hinter mir stehe, mit allen Ecken und Kanten, dann ist so ein Blick für mich möglicherweise ja auch ein "Ich schaue dich an, weil ich dich wirklich interessant finde" - Blick. Ja, Einstellungssache eben. Wenn ich mich selber nicht mag, wie kann ich dann auf die Idee kommen, dass andere es tun? Eben. Und wie ich so vor dem Spiegel stehe und überlege, bin ich froh, dass ich weitere 365 + x Tage vor mir habe, an denen ich gerne Zeit mit mir verbringen möchte.
Manchmal sind schlimme Dinge grade die, die einem etwas zeigen können. Oft liegt in diesen Ereignissen etwas, was man für sich selber nutzen kann um im eigenen Leben voran zu kommen. Und so liegt in allem negativen, sehr sehr negativen, meistens auch ein kleiner Schimmer von etwas, was einem selber zu etwas positiven verhilft.